Quadral Titan, die Legende..

QUADRAL Titan 1 – eine Analyse

Wir haben uns 2015 auf den Westdeutschen HiFi-Tagen im Maritim Hotel in Bonn einen Wunsch erfüllt, den Wunsch endlich mal wieder einen „Männerlautsprecher“ vorzuführen. Einen Lautsprecher mit Wucht und Dynamik, der die Größe eines Orchesters, aber auch die Wucht fetter Stromgitarren wiederzugeben vermag. Dort feierten wir mit unserer BigLine MSW eine sehr erfolgreiche Premiere.

Der Wunsch nach großen, krafvollen Lautsprechern schwirrte schon lange in unseren Köpfen, aber ein Ereignis in 2015 hat uns den nötigen Kick gegeben das auch wirklich zu tun.

Als wir bei einem Kunden eine der legendären Konstruktionen aus den 80er Jahren hörten, waren wir zunächst sehr enttäuscht. Wir mussten uns eingestehen das uns die Erinnerung an vergangenen Zeiten etwas vorgemacht hatte. Die berühmte Quadral Titan, einst der Meilenstein am Lautsprecher-Himmel, hörte sich mit heutigen Erfahrungen und Erkenntnissen nicht mehr so gut an wie uns das in Gedächtnis war.

Nach einer Überarbeitung mit der Raumkorrektursoftware Dirac-RCS sah das dann schon anders aus. Große, dynamische Wiedergabe, absolut souverän und auch bei mehr Instrumenten als für jeden kleinen Zwei-Weger gut sind, nicht aus der Ruhe zu bringen.

Der Besitzer des mannshohen Lautsprechers erlaubte uns einige tiefere Einblicke in die Konstruktion, davon handelt diese Bericht.

Letztens hatten wir die Chance mal eine gut gepflegte, weitgehend originale QUADRAL Titan 1 zu hören. Wir hatten sie bisher immer nur in Ladenlokalen und auf Messen gehört – und das ist auch schon eine „ganze Weile“ (ca. 30 Jahre) her.

Damals war das Teil ja der absolute Knaller – da wackelten die Messewände !!! Zu dem Zeitpunkt sind wir noch nicht mit einer speziell zusammengestellten Test-CD rumgelaufen – denn da wurde meist noch mit Schallplatte vorgeführt 😉

Der Besitzer der Titan wollte mal wissen ob die soweit in Ordnung war und ob man ggf. an der Aufstellung noch was drehen könnte. Außerdem wollte er mal wissen was denn so „digitales Teufelszeug“ wie die Dirac Room Correction Suite mit seiner schönen analogen Titan mit Röhrenvorstufe und (nachgerüstetem) Bi-Amping anstellen würde.

Die Ergebnisse des Hörtests und der Messungen war „überraschend“. Wir haben uns dann mal die Mühe gemacht unsere Messungen mit alten Testberichten zu vergleichen. Da alle Chassis der Titan 1 im HIFISOUND Lautsprecherjahrbuch von 1986/87 gemessen wurden haben wir auch mal ein Boxsim-Modell erstellt und mit den Testberichten und unseren Messungen verglichen.


Istzustand:

Um es kurz zu machen: der Hörtest und die nachfolgenden Messungen fielen vernichtend aus – „Bumm-Zisch“ ist noch geschmeichelt. Es gab im Grunde drei Chassis: die drei, die man sehen kann, hörte man auch als einzelne Chassis heraus (was ja gerade NICHT passieren sollte):

  • der Bass spielte eine wunderbare, aufgedunsene One-Note-Samba bei 40 Hz
  • übertönt von einem nervigen, quäkenden Mitteltöner und
  • gefolgt von irgendetwas, das Zisch drüber macht

Die Messungen bestätigten das Bild, viel Bumm, Quäck und Zisch. Dazwischen eine breite Grundtonsenke und ein tiefer Einbruch im Übernahmebereich zwischen MT und HT. Hier mal die „gewedelten“ Messungen am Hörplatz:

Das hatten wir so nicht erwartet. Daher haben wir der linken Box mal kurz auf den Zahn gefühlt bzw. das Mikro ganz nah (ca. 2-5 cm) vor die einzelnen Membranen gehalten. Dadurch misst das Mikro vorwiegend das, was aus dem jeweiligen Chassis herauskommt und blendet die Anteile der weiter entfernten Chassis weitgehend aus. Wenn man das entsprechend skaliert und mit dem Gesamtfrequenzgang am Hörplatz vergleicht, kann man recht schnell feststellen, welches Chassis für welche Überhöhung bzw. für welchen Einbruch des Frequenzgangs der Gesamtbox verantwortlich ist und wo die Trennfrequenzen ungefähr liegen.

  • die Überhöhung bei 40 Hz von 17 dB (das entspricht subjektiv in etwa der 4-fachen Lautstärke) kommt vom Raum. Obwohl das Mikro direkt über der Öffnung der Transmissionline war dürfte der Peak der magentafarbenen Kurve schon von der Raumrückwirkung beeinflusst worden sein
  • von 90 bis 200 Hz fällt der Schalldruckpegel des Tieftöners um 7 dB ab -> die Grundtonsenke kommt nicht vom Raum sondern vom Chassis bzw. der Frequenzweiche
  • von 400 bis 4000 Hz korreliert die Nahfeldmessung vor dem Mitteltöner perfekt mit der Messung am Hörplatz -> der Anstieg von 8 dB zwischen 300 und 350 Hz kommt also nicht vom Raum sondern vom Chassis bzw. der Frequenzweiche
  • ab 5 kHz ist der Hochtöner für den Frequenzgang verantwortlich: im Nahfeld direkt auf Achse gibt es mehr oberste Höhen, am Hörplatz wird ja die Abstrahlung über alle Raumwinkel aufsummiert, dort sind die obersten Höhen leiser
  • die 4dB-Stufe im Gesamtfrequenzgang bei ca. 4 kHz kommt vorwiegend vom Mitteltöner, der dort eine Membranresonanz hat. Der Hochtöner führt diese Stufe aber ab 5 kHz nahtlos weiter

So, Messungen und Höreindruck passen zusammen, die Ursachen sind geklärt. Aber – hat die QUADRAL Titan 1 damals auch schon so bescheiden geklungen und die Zuhörer wurden nur durch geschickte Wahl der Vorführmusik darüber hinweggetäuscht?

Was sagt die Fachpresse zur Titan1?

Klärung bringt der Test der STEREOPLAY vom Dezember 1981, den man (in lausiger Qualität) auf der „Mythos Titan“-Seite finden kann. Dort wird folgender Frequenzgang gezeigt (die vertikalen Linien bei 20, 200, 2000 und 20000 Hz sowie die Frequenzen der Peaks bei 55, 550 und 5500 Hz wurden von uns hinzugefügt):


Quelle: Stereoplay auf Mythos Titan…Titanstory.de

-> der Peak des Mitteltöners und Hochtöners um jeweils ca. 5 dB ist dort auch bereits zu erkennen

Damals (vor über 30 Jahren) ist das offenbar keinem aufgefallen, und das war ja wohl auch Sinn der Sache. Schwer zu glauben aber wahr – die Titan die wir hier vor uns haben zeigt sehr ähnliche „Charaktereigenschaften“ (= Fehler) wie die in der STEREOPLAY 12/1981 so hochgelobte Titan 1. Was steht noch gleich im Fazit:

„Mit ihrem offenen und verfärbungsarmen Klangbild im gesamten Frequenzbereich setzt die Titan neue Maßstäbe für eine Passivbox“


Titan1 + Dirac

Um dem Besitzer vorzuführen wie eine QUADRAL Titan1 klingen KÖNNTE, haben wir das Gesamtsystem (Lautsprecher + Verstärker + Raum) mit der Dirac Room Correction Suite eingemessen (Infos zur Funktionsweise der Software mag der geneigter Leser hier nachlesen).

So sieht der an 9 Positionen gemessene und gemittelte Frequenzgang am Hörplatz aus:

Die Messungen mit dem Dirac Live Calibration Tool bestätigen die vorherigen „gewedelten“ Ergebnisse mit unserer Software JustOct. Die rote Kurve ist die gewünschte Zielfunktion am Hörplatz. Und so sieht das dann nach der Optimierung durch Dirac aus:

Die schwarze Kurve zeigt die Wirkung des Filters – in weiten Bereichen muss im Bassbereich um 10 dB angehoben werden, das ist Schwerstarbeit für den Verstärker!
Hinweis: die Korrektur passiert bei Dirac übrigens nicht nur im Frequenzbereich sondern auch im Zeitbereich.

Das sieht ja alles ganz nett aus, aber: wie klingt es denn?

Wow, ein vollständig anderer Lautsprecher, neutral, angenehm, erwachsen . . . einfach nur wow! Der Unterschied war frappierend:

  • Männerstimmen fehlte zuvor vollkommen der „Körper“
  • Schlagzeug klang wie Kinderspielzeug
  • Bass war nur 1 Ton, der nichts mit der Musik zu tun haben schien
  • daneben gab es noch Gequäke im Mittelton und Gezischel im Hochton

Nachher war alles so wie es sein sollte und das Teil machte höllisch Spaß . . .

Um den Effekt von Dirac zu hören kann man die Wirkung einfach ausschalten. Schon nach 3 oder 4x Zurückschalten auf die ungefilterte Originalversion bat uns der Besitzer das doch lieber sein zu lassen – zu schlimm war die Erkenntnis wie ungenießbar sich die Originalversion anhörte. Auch hier zeigte sich wieder: je „schlechter“ die Ausgangssituation, desto unglaublicher ist der Effekt von Dirac.

Fazit:

Manche alte Schätzchen sind offenbar lange nicht so gut wie ihr Ruf – zumindest die Titan1 wußte im „Original“ gar nicht zu gefallen. Eine Über-Alles-Korrektur mit Dirac hat aus der Bumm-Quäck-Zisch-Kiste zwar einen gut klingenden, erwachsenen Lautsprecher gemacht – man braucht aber schon potente Verstärker um mit dem Teil Lautstärken zu erzielen.

Dies ist zum Großteil auf die wattfressende Auslegung der Frequenzweiche zurückzuführen: hier werden oberhalb von 250 Hz im Mittel 7 dB „verbraten“, es kommen also nur noch 20% der Verstärkerleistung an den Chassis an. Mit einer etwas anderen Auslegung der Frequenzweiche kann man einen deutlich lineareren Frequenzgang erreichen UND im Mittel 4-5 dB Wirkungsgrad gewinnen. Das reduziert die Ansprüche an die Verstärker oder erlaubt – bei gegebenem Verstärker – 4 bis 5 dB höhere Spitzenschalldrücke ;-). Bitte hierzu auch unseren weiterführenden, sehr ausführlichen Bericht mit Simulationen und weiteren Messungen der Titan lesen.

Noch besser ist dann nur eine Aktivierung mit unserer Schaltzentrale A3 oder ähnlichen.

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